Harz
Automobilzulieferer setzt Rotstift an

25.11.2020

Nemak Wernigerode hat in den vergangenen Jahren stets auf die eigene Ausbildung gesetzt: Der Auszubildende Tino Malici gießt beim Tag der offenen Tür im Herbst 2016 in der Nemak-Ausbildungswerkstatt flüssiges Metall in eine Dauerform. Archivfoto: Katrin Schröder

In der Zylindergießerei Nemak Wernigerode (Landkreis Harz) muss ein Drittel der Mitarbeiter gehen.


Wernigerode l Die Nachricht, die Nemak-Geschäftsführer Frank Lehmann gestern publik gemacht hat, ist ein Hammer: Mit voraussichtlich 180 Stellen, die im Herbst kommenden Jahres in Wernigerode abgebaut werden sollen, droht rund einem Drittel der Nemak-Belegschaft der Jobverlust. Auslöser, der Entscheidung, die gestern auch gegenüber Betriebsrat und Belegschaft verkündet worden sei, sei die Umstrukturierung in der Automobilindustrie. Aufgrund des Trends hin zur E-Mobilität sei das Abrufverhalten der großen Nemak-Kunden rückläufig. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass unser Auftragsvolumen 2022 gegenüber den Vorjahren um etwa ein Drittel rückläufig sein wird“, so der Manager gegenüber der Volksstimme.

Trend zur E-Mobilität sorgt für Auftragseinbrüche

In der Aluminiumgießerei in Wernigerode werden Zylinderköpfe und Zylinderblöcke für die Automobilindustrie herstellt. Nach Lehmanns Worten beliefert Nemak Volkswagen und Audi ebenso wie Porsche und Daimler. Deren wirtschaftliche Lage sowie die der Hersteller von Komponenten für Verbrennungsmotoren werde aktuell stark durch die gesellschaftliche Diskussion über Umweltauswirkungen beeinflusst. Hinzu kämen regulative Vorgaben des Gesetzgebers, die eine zunehmende Elektrifizierung von Antrieben zur Folge habe.Der Wandel hin zu Fahrzeugen mit Elektroantrieb tangiere auch die Nemak Wernigerode stark. So seien wichtige Neu- und Folgeaufträge verloren gegangen. Zudem liefen neue Aufträge, für die zuvor erheblich investiert worden sei, mit niedrigeren Stückzahlen. „In der Folge gibt es trotz erheblichen Kostensenkungen einzelne Aufträge, die nur mit Verlust produziert werden können“, so der Geschäftsführer.Die Folge des Umbruchs in der Automobilindustrie sind bei Nemak schon seit Monaten zu spüren. Schon 2019 arbeitete ein Teil der damals noch rund 700 Mitarbeiter in Kurzarbeit. Im Frühjahr dieses Jahres ist die Corona-Pandemie mit Produktions- und Absatzeinbrüchen in der Branche verschärfend hinzu gekommen.Daher, so Lehmann, habe die Geschäftsleitung zusammen mit dem Gesellschafter jenen Personalabbau beschließen müssen. Zwar könne sich das Auftragsvolumen für 2022 noch verändern – „wir rechnen aber allenfalls noch mit marginalen Änderungen beim geplanten Personalabbau“. Zum jetzigen Zeitpunkt sei von 180 Arbeitsplätzen auszugehen, die im September/Oktober kommenden Jahres wohl wegfallen würden. „Wir gehen jetzt in Verhandlungen mit Betriebsrat und IG Metall, um Details abzustecken und wollen bis Mai kommenden Jahres Klarheit“, so der Manager. Der Einschnitt sei bedauerlich, aber notwendig, um das Unternehmen finanziell zu stabilisieren und fortführen zu können.Der Harzer Landrat Thomas Balcerowski (CDU) sprach mit Blick auf Nemak von einer traurigen Entwicklung, die sich jedoch abgezeichnet habe. Der Harzkreis sei mit seiner Metallindustrie überdurchschnittlich mit der konventionellen Automobilindustrie verwoben und werde folglich besonders stark von den dortigen Strukturänderungen tangiert. Hinzu, so der 48-Jährige, komme die hohe Energieintensität der Metallindustrie. „Die Kohlendioxid-Abgabe wird zum zusätzlichen Standortnachteil.“ All das unterstreiche die Notwendigkeit, sich zu wandeln – hin zu alternativen Produkten und klimafreundlichem Energieeinsatz. „So bedauerlich all das ist – wir müssen uns dieser Herausforderung stellen und den Wandel hin zu neuen Projekten und neuen Technologien aktiv angehen und gestalten“, so Balcerowski.Auch Frank Lehmann hofft, dass Nemak Wernigerode perspektivisch von der Herstellung von Teilen für die Eletromobilität partizipiert.